Der mit dem Plus kommt

Lehrplan Plus, Kompetenzerwartungen, Entwurfsfassung – äh, habe ich schon KOMPETENZERWARTUNGEN erwähnt? – all das sind Begriffe, um die ein bayerischer Grundschullehrer im Moment nicht drumrum kommt. Er kommt, der neue Lehrplan mit dem großem Plus. Mit viel Brimborium, Fortbildungen, neuer Website des Kultusministeriums (das ist quasi das raffinierte PLUS) – und wurde meinerseits mit gespannten, gemischten und mittlerweile mit neutralen Gefühlen erwartet.

Zunächst einmal das Gute Schlechte Wichtigste: So viel ändert sich nicht. Keine neue Schrift. Das Abziehverfahren bleibt. Sowie das Lesen, Schreiben und Rechnen.

Den „Quantensprung“, den unser Kultusminister prophezeit hat, habe ich da irgendwie vor lauter Spannung übersehen.

Grundlegende Neuerung laut Ministerium: „Es geht uns vor allem darum, nicht Fehler in der Vordergrund zu stellen, sondern intelligentes Wissen zu vermitteln“.

Und: „Fehler werden daher künftig schon früher korrigiert. Die Kinder sollen noch früher lernen, Silben richtig zu schreiben.“ 

Wir merken uns: Lehrer sollen gefälligst korrigieren. Fehler müssen aufgezeigt werden. Gleichzeitig muss das Geleistete anerkannt werden und in den Mittelpunkt gestellt werden.

Nicht neu, sondern immer noch schwierig, wenn man mal munter Begriffe wie „Vergleichbarkeit“, „Leistung“, „Übertritt“ usw. in den Raum wirft. Lösungen für dieses Problem bietet nicht mal das Plus im Lehrplan.

Also: Alles nur Schall und Rauch?

Nicht ganz. Der Grundschullehrplan soll nur der Anfang sein – die weiteren Schularten werden ebenfalls einen neuen Lehrplan generieren, der auf „unseren“ aufbauen soll. Ob dann zukünftig in den weiterführenden Schulen auch das Abziehverfahren weitergeführt wird: Das weiß irgendwie noch keiner. Und nachfragen darf man irgendwie auch nicht. Wird man ganz schief angesehen und die Schulleitung kriegt dann am nächsten Tag einen bösen Anruf vom Schulamt, man solle sich bitteschön bei den Fortbildungen benehmen (ehrlich!).

Außerdem: In Mathe fällt zum Beispiel das Thema „Maßstab“ unter den Tisch. Dafür kommen mehr „Zufallsexperimente“ (Fermi-Aufgaben usw.) dazu. Nichts gegen Fermi und Co. Ich finde diese Aufgaben super ertragreich und habe mich damit im Referendariat sehr damit beschäftigt und viel ausprobiert. Nur: Um diese Aufgaben zu bewältigen, müssen Schüler über enorme Versprachlichungskompetenzen verfügen, was eine lange Erarbeitungszeit beansprucht Und ja, jetzt kommt das penetrante: Wann-zum-Teufel-soll-ich-das-denn-schaffen Lehrer-Getue.

In HSU ist der Lehrplan etwas „allgemeiner“ geworden. Man darf auch mehr aussuchen (was man beim alten allerdings auch durfte/musste – zwecks Zeit und so ;). Finde ich als Berufsanfängerin etwas schwammig formuliert. Andererseits musste das Kultusministerium ja irgendwie „abspecken“. Die dafür angesetzte Fortbildung muss ich allerdings noch besuchen. Daher weiß ich noch nicht so viel darüber Bescheid. Nur was im Lehrplanentwurf steht.

Als ehemalige Germanistikstudentin interessiert mich der Fachbereich Deutsch natürlich am meisten.Vorneweg: Die Schüler lernen genau so wie vorher das Lesen und Schreiben. Puh. Immer noch in der alten neuen Schrift. Bäh. Es kommt der Bereich „Zuhören“ als eigenständiger Bereich dazu, was irgendwie schon Sinn macht. Deutete sich auch irgendwie bei den letztjährigen VERA-Arbeiten an.

Was ich toll finde: Es gibt keine Mitsprech-, Nachdenk- und Merkwörter mehr. Ich hab mich darüber schon im Referendariat mordsmäßig aufgeregt, dass das absoluter Bullshit fragwürdig ist, da zu subjektiv und die guten Schüler brauchen das nicht und die schwachen Schüler kapieren es nicht – die sind schon mit den Regeln allein überfordert.

Jetzt also nur noch:

  • phonologisches und silbisches Prinzip
  • morphologisches Prinzip
  • grammatisches Prinzip
  • Verbindung unterschiedlicher Prinzipien

Fein, fein. Und ich bete inständig dafür, dass es dazu bitte bitte gute Werke gibt. BITTE! Meine Schulamtsdirektorin, mit der ich darüber mal einen kleinen „Plausch“ (haha) gehalten habe, meinte, dass da wohl ein bestimmter Verlag ganz gut was gemacht hat. Oh was wär das schön! Aber ich bin Realist. Mit Hang zum Pessimist.

Ach ja, Englisch gibt’s im Übrigen auch immer noch. Jetzt sogar mit verbindlichem Wortschatz. Damit die armen Englischlehrer in den 5. Klassen zumindest ein wenig was von allen Kindern voraussetzen können, wenn Schüler aus unterschiedlichen Klassen und Schulen zusammengewürfelt werden. Macht Sinn.

Ja, ich wäre gerne irgendwie gespannter und vorfreudlicher auf den Neuen mit dem großem Plus. Aber irgendwie… ist das für mich nichts Halbes und nichts Ganzes. Es müssten grundsätzliche strukturelle Reformen her – von denen ich kleine Grundschulmausi leider nur klammheimlich im Keller träumen darf.

Was mich allerdings eigentlich nur noch interessiert: Wie läuft das ab in so einem Schulbuch-Verlag? Bekommen die den Lehrplan (der ja bis dato nur ein Entwurf ist) schon früher, um mit der Überarbeitung der Werke anzufangen? In unserem Lehrerzimmer werden die neuen Werke immerhin schon druckfrisch angepriesen. Das musste ja alles rasend schnell gehen! – Und wir wissen ja, was passiert, wenn man alles schnell-schnell machen muss. Oh je, mir schwant Übles….

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Gesprächsführung

Ich war letzte Woche auf einer Fortbildung zum Thema „Gesprächsführung“. Weil ich nächstes Jahr das erste Mal eine 4. Klasse unterrichten werde, sprich: den Übertritt überleben muss.

Rollenspiele. Natürlich gab es Rollenspiele. Und ich war natürlich die Lehrerin, die von einer üblen Mutter beschimpft und gedemütigt wurde. Die Kollegin spielte die personifizierte Mutter aller schlimmen Mütter. Natürlich.

„Sie machen schlechten Unterricht, die anderen Klassen sind schon viel weiter, sie üben zu wenig, ihre Proben sind zu schwer, die Kinder fühlen sich nicht wohl bei ihnen und überhaupt haben Sie doch gar keine Erfahrung! Die anderen Eltern sagen das übrigens auch! Mein Sohn wird mit SICHERHEIT auf’s Gymnasium gehen und ich erwarte von Ihnen, dass er die entsprechenden Noten erhält – die er sich auch redlich verdient!“

Frau Butterbrot beginnt zu schwitzen und liest stammelt einen halbwegs passablen Satz vom „Lösungsformulierungen“-Blatt vor.

„Verstehe ich Sie richtig, dass Sie verunsichert sind aufgrund des bevorstehenden Übertritts?“

Die Referentin lobt mich. Dann weiß ich nicht mehr weiter. Am liebsten würde ich jetzt sowas sagen wie „Was fällt Ihnen eigentlich ein?“ und ganz viele Verteidigungs-„aber“s einbauen. Die sind aber verboten. Außerdem würde ich der Mutter gerne mal sagen, dass es ja wohl nicht angehen kann, MICH dafür verantwortlich zu machen, wenn ihr kleiner Prinz nie aufpasst sondern stört, nie die Hausaufgaben macht und überhaupt jeden Monat 10 Tage fehlt und anstatt den Stoff nachzuholen, den ganzen Tag vor der Glotze hängt oder auf der Playstation zockt (Im Übrigen haben Killer-Spiele NICHTS in der Schultasche ihres Schülers zu suchen!) und dann eine gerade-noch-4 in Mathe bekommt. Auch finde ich es nicht okay, ein 9-jähriges Kind regelmäßig bis um 22 Uhr aufbleiben zu lassen. Und überhaupt übe ich sehr wohl, nur ist es so, dass Ihr Sohn nie das Heft dabei hat und in Übungsstunden erst einmal eine Viertelstunde nach seinem Block sucht und danach 10 Minuten seinen Bleistift spitzt, damit er ja nicht mitmachen muss. Und wenn man dann verlangt, dass er sich eine Erinnerung ins Hausaufgabenheft schreiben soll, dann bockt er so heftig, dass er abgeholt werden muss. Und auf meine Mitteilungen zum Thema Hausaufgaben haben Sie auch nicht reagiert. Schauen Sie eigentlich mal ins Hausaufgabenheft? Und welche Eltern sollen das bitte denn sein, die „DAS“ genau so sehen? Was meinen Sie mit „DAS“? Wir werden auf alle Fälle mit dem Stoff fertig, nur habe ich halt ein paar Themen vertauscht und das ist sogar erlaubt! Und meine Proben sind zu schwer? Nun, wenn man sein Kind am Wochenende Filme wie „Hangover“ oder „Iron Man“ schaut und es wichtiger ist, dass der Bub das neue Minecraft-Level erreicht, anstatt zu üben, ist mir das schon klar, warum die Proben „zu schwer sind“. Und jetzt, eine Woche vor Notenschluss kommen Sie daher und wollen mit mir über Zeugnisnoten feilschen? Geht’s noch? Kümmern Sie sich endlich um Ihr Kind und nicht um einen unerreichbaren Schnitt für eine Schulart, auf der Ihr Kind eh nicht glücklich wird!!“

Statt dessen zeigt die Referentin auf einen weiteren Satz, mit dem ich das Gespräch „professionell“ weiterführen kann. Ich lese mit Engelszungen ab: „Wir können gerne die bereits geschriebenen Proben gemeinsam durchgehen. Ist das in Ordnung für Sie?“